Demonstration von Neonazis in Dortmund
Wie bereits in den Vorjahren führten auch am 01. Mai 2023 Neonazis in Dortmund eine Demonstration durch.
Angesichts der nur schwach erwarteten Mobilisierung wurde jedoch auf eine zentrale Demonstration verzichtet. Stattdessen wurde eine Bustour angekündigt, die in mehrere Städte im Ruhrgebiet führen sollte - um dort jeweils entsprechende Kundgebungen durchzuführen.
Gegen 10 Uhr versammelten sich zu diesem Zweck die ersten Teilnehmenden an der Straßenecke Thusneldastraße / Emscherstraße in Dortmund Dorstfeld. Hier befindet sich einer der zentralen Treffpunkte der regionalen Neonaziszene.
Auch wenn von führenden Neonazis das Konzept von Demonstrationen zunehmend kritischer gesehen wird, entschied sich die lokale Dortmunder Neonaziszene dennoch, eine Veranstaltung zum 1. Mai durchführen. “Manchmal muss halt das eigene Klientel bei Laune gehalten werden” hieß es lapidar am Rand der Veranstaltung.
Vor Ort war auch Christian Worch, seines Zeichens Bundesvorsitzender der Partei “Die Rechte” (DR). Ein Großteil der hier Versammelten war noch bis vor ein paar Monaten Mitglied dieser neonazistischen Splitterpartei. Doch Anfang des Jahres erklärten gleich mehrere mitgliedsstarke Ortsverbände ihren Übertritt zur NPD - jedoch ohne Christian Worch zuvor zu informieren. Die Gemütsverfassung von Worch war dementsprechend. Er klagte im Verlauf der Veranstaltung dann auch mehrfach über Stress und Magenschmerzen.
Bauchschmerzen dürfte Christian Worch vor allem der absehbare Zusammenbruch der Partei “Die Rechte” bereiten. Inzwischen existiert nur noch ein Rumpfgerüst der Parteiorganisation. Wie es weitergeht, wird sich auf dem anstehenden DR-Bundesparteitag zeigen, der in einigen Monaten stattfinden soll.
Insgesamt nahmen an den Veranstaltungen rund 90 Personen teil. Nicht alle anwesenden Neonazis beteiligten sich an der Veranstaltung. Einzelne zogen es vor, sich dem angekündigten Veranstaltungsmarathon zu entziehen. Andere, wie der lokale NPD-Parteifunktionär Alexander Deptolla, reisten lieber auf eine Werbeveranstaltung der Neonazipartei III. Weg im sächsischen Plauen - um dort unter anderen T-Shirts zu verkaufen.
Die Teilnehmenden der nun stattgefundenen Veranstaltung kamen aus mehreren Bundesländern. So waren, neben Neonazis aus Nordrhein-Westfalen, unter anderen Teilnehmende aus Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen nach Dortmund gereist.
Nachdem die lokale Neonaziszene in den letzten Jahren sich vor allem durch einen latenten Rückgang ihrer aktiven Protagonist:innen auszeichnete, war bei der 1. Mai Veranstaltung erstmals auch wieder eine Gruppe jugendlicher Neonazis aus dem lokalen Umfeld zugegen.
Auch aus Ostwestfalen reisten im Verlauf des Vormittags mehrere Reisegruppen an…
… hier beispielsweise in Begleitung des führenden Hamburger NPD-Mitglieds Jan-Steffen Holthusen (rechts).
Die Veranstaltung stand unter dem selbstgewählten Motto “Wir arbeiten nicht für euren Klima-Wahn ! Ausbeutung stoppen !”
Im Verlauf des Tages fanden Kundgebungen in Recklinghausen, Lünen sowie später eine Demonstration in Dortmund statt. Als Versammlungsleiter in Recklinghausen trat André Pencek (ganz links), in Lünen der inzwischen parteilose Sven Skoda (zweiter von links) in Erscheinung.
Christian Worch war das einzige Mitglied des Bundesvorstands der Partei “Die Rechte” beim diesjährigen 1. Mai in Dortmund. Andere Mitglieder veranstalteten stattdessen im niedersächsischen Braunschweig eine Kundgebung und blieben der Veranstaltung in Dortmund demonstrativ fern.
Dafür war mit Claus Cremer, der Landesvorsitzende der NPD in Nordrhein-Westfalen, zugegen. Jener Partei, an welche “Die Rechte” um Christian Worch in den letzten Monaten einen Teil ihrer Mitglieder verloren hat.
Auch aus den Niederlanden reisten Neonazis nach Dortmund. Angeführt wurde die Gruppe durch Ed Polman (rechts im Bild). Polman ist seit Anfang der 90er Jahre in der Neonaziszene aktiv. Dies auch immer wieder im Zusammenhang mit dem in der Bundesrepublik Deutschland verbotenen Netzwerk von Combat 18.
Ed Polman und seine Begleitung zogen es jedoch vor, nicht an den Kundgebungen außerhalb Dortmunds teilzunehmen. Erst später, während der Abschlussdemonstration, erschienen sie inzwischen sichtlich alkoholisiert erneut am Ort des Geschehens.
Neben Claus Cremer war mit Thorsten Heise (links im Bild) noch ein weiteres NPD-Bundesvorstandsmitglied in Dortmund zugegen. Heise arbeitet innerhalb der NPD derzeit vor allem daran, die Umbennenung der Partei in “Die Heimat” voranzutreiben. Davon erhofft sich die NPD die Erreichung neuer Zielgruppen. Während die Umbenennung während des letzten NPD-Bundesparteitags im hessischen Altenstadt an der erforderlichen zwei Drittel Mehrheit der Deligierten scheiterte, soll im Juni diesen Jahres beim kommenden NPD-Bundesparteitag ein neuer Versuch gestartet werden. Der Übertritt der Dortmunder Neonazis zur NPD steht ebenfalls in diesem Zusammenhang.
Zur Reisegruppe von Thorsten Heise gehörten auch Aktivist:innen der sogenannten “Brigade 12 - Pommern”. Dabei handelt es sich um eine Supportergruppe der von Thorsten Heise angeführten “Arischen Bruderschaft”.
Thorsten Heise bei der Übergabe von Propagandamaterialien.
Gegen 11 Uhr setzen sich die angereisten Teilnehmenden dann in Bewegung, um auf einem nahegelegenen Lidl-Parkplatz in die zuvor georderten Busse zu steigen.
Bei einzelnen Neonazis lagen die Nerven sichtlich blank. Immer wieder versuchten diese gegen anwesende Journalist:innen vorzugehen.
Bevor die Neonazis die Busse besteigen konnten, forderten die Busfahrer die ausgemachte Bezahlung. Man einigte sich schließlich darauf, dass Gald im Inneren der Fahrzeuge einzusammeln. Wie die Busfahrer im Nachhinein mitteilten, belief sich der Ticketpreis auf etwa zehn Euro pro Person.
Die erste Zwischenstation des Tages bildete Recklinghausen. Ungestört verlief sie jedoch nicht. Wie auch später in Lünen und in Dortmund wurden die Neonazis von mitunter lautem Gegenprotest empfangen.
In Recklinghausen wurden verschiedene Redebeiträge gehalten. Hier von Sascha Krolzig, dem ehemaligen Führungsmitglied der Partei “Die Rechte” - nun Vorsitzender der NPD-Dortmund, die bereits jetzt schon unter der Bezeichnung “Die Heimat” in Erscheinung tritt.
Auch der Bundesvorsitzende der Partei “Die Rechte” hielt einen Redebeitrag. Dieser war im Verlauf des Tages der einzige, der sich inhaltlich auf das Motto der Veranstaltung bezog.
Auch der inzwischen parteilose Sven Skoda hielt einen Redebeitrag in Recklinghausen.
Anschließend ging es nach Lünen. Auch hier wurde eine Kundgebung durchgeführt.
Als Versammlungsleiter in Lünen trat Sven Skoda in Erscheinung - hier beim Verlesen der Auflagen.
Joe Rowan war der Sänger der US-amerikanischen Rechtsrockgruppe Nordic Thunder. Er starb am 1. Oktober 1994 bei einer Schießerei im Anschluss an ein Rechtsrockkonzert. In der internationalen Rechtsrockszene wird er seitdem als Märtyrer verehrt. Insbesondere vom neonazistischen Netzwerk der “Hammerskins” - zu den Rowan gehörte.
Auch in Lünen traten verschiedene Redner ans Mikrophon. Hier der Neonaziaktivist Matthias Drewer.
Die Rede von Drewer gipfelte dann in Gewaltphantasien gegenüber den lautstark protestierenden Gegendemonstrant:innen.
Der nordrhein-westfälische NPD-Landesvorsitzende Claus Cremer während seines Redebeitrags.
Und auch das NPD-Bundesvorstandsmitglied Thorsten Heise hielt, wie im Vorfeld angekündigt, einen Redebeitrag.
Heise ging in seinem Redebeitrag auf die internationale Politik und deren Auswirkungen auf lokale Gegebenheiten ein. Heise thematisierte eine drohende Finanzkrise und die damit einhergehende Gefahr von zunehmender Armut breiter gesellschaftlichter Schichten - insbesondere des eigenen Klientels .
Angesichts einer Armbanduhr einer bekannten Luxusmarke an seinem Handgelenk, die mit mehreren tausend Euro zu Buche schlägt, sprach Thorsten Heise dabei wohl nicht von den eigenen finanziellen Engpässen. Der neonazistische “Bewegungsunternehmer” Heise versorgt die Neonaziszene sowohl mit Kleidung, Musik als auch mit sszenetypischen Devotionalien - und lässt sich dieses entsprechend bezahlen.
Als letzte Station des Tages führten die angereisten Neonazis schließlich eine Demonstration in Dortmund durch.
Zitieren
Recherche Nord: Demonstration von Neonazis in Dortmund, Dortmund, 01.05.2023.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2023-05-01-do/