Hammerskin des "Chapters Bremen" verurteilt
Dem zwischenzeitlichen Vorschlag von Rechtsanwalt Heiko Urbanzyk, es bei dem Strafmaß bei einer Verwarnung zu belassen, folgte das Gericht nicht.
Dem Angeklagten und langjährigen Neonazi Dirk Kliewe-Kregelin wurde vorgeworfen, einschlägige Musikträger gehandelt zu haben, auf denen der Holocaust geleugnet und zu Hass gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen aufgestachelt wird. Auch habe er T-Shirts mit der Aufschrift “Sommer, Sonne, Hakenkreuz - Sieg ‘Fucking’ Heil” vertrieben, die er zuvor von einem Mittelsmann geordert hatte.
Der Gerichtsprozess stand im Zusammenhang mit Hausdurchsuchungen im Oktober 2020 gegen drei Personen aus dem Bereich der neonazistischen Musik-Szene. Diese hatten in der Öffentlichkeit verfassungswidrige Kennzeichen genutzt sowie strafrechtlich relevante Musik und Bekleidung verbreitet. Alle drei besaßen Verbindungen zur neonazistischen Organisation der “Hammerskins” und einem “Onepercenter-Motorradclub”. Bei den Durchsuchungen wurden umfangreiche Beweismittel sichergestellt. Durch Überwachung der Telekommunikation (TKÜ-Maßnahmen) konnte die Polizei schließlich einen Händler neonazistischer Kleidungsstücke und Musik identifizieren. Dabei handelte es sich Dirk Kliewe-Kregelin, der sich nun bei dem Gerichtsprozess in Cuxhaven verantworten musste.
Bei den “Hammerskins” handelt es sich um eine transnationale Neonaziorganisation. Die Gruppierung unterhält weltweit dutzende Unterguppen, sogenannte “Chapter”, die nach dem Vorbild von Rockergruppen organisiert sind. Das Logo der Hammerskins zeigt zwei gekreuzte Hämmer, oft dargestellt vor einem Zahnrad. Das Neonazi-Netzwerk, das sich selbst als “Hammerskin Nation” (HSN) bezeichnet, sieht sich als militante Elite der weltweit organisierten Neonaziszene.
Deren Mitglieder kommen regelhaft zu, zumeist klandestin organisierten, Veranstaltungen zusammen. Einen Großteil davon bilden dabei von der “Hammerskin Nation” organisierte Konzertveranstaltungen. Aber auch Organisationstreffen, wie die alle drei Monate stattfindenen “National Officers Meetings” oder sonstige Treffen gehören zu den regelhaften Zusammenkünften. Einzelne “Chapter”, wie hier die “Hammerskins Ungarn”, veranstalten darüber hinaus Kundgebungen, beispielsweise im Februar 2020 in Budapest, bei denen Hammerskins aus ganz Europa zusammenkommen.
Der 1976 in Uckermünde geborene Dirk Kliewe-Kregelin (Bildmitte) gehörte ursprünglich zu den “Hammerskins Pommern”. Nach einem Umzug ins benachbarte Niedersachsen schloß er sich, den Ausführungen im Gerichtsprozess folgend, dem “Hammerskin Chapter Bremen” an. Kliewe-Kregelin ist seit Jahren auf einschlägigen Veranstaltungen anzutreffen. Auch nahm er in der Vergangenheit an Neonazidemonstrationen teil - wie hier im Jahr 2006 auf einer NPD-Demonstration im niedersächsischen Stade.
Und auch in seiner ehemaligen Wirkungsstätte in Mecklenburg-Vorpommern entfaltete Kliewe-Kregelin in der Vergangenheit entsprechend öffentlichkeitswirksame Aktivitäten. So begleitete er im Mai 2006 eine Delegation der “Hammerskins Schweiz” auf einer NPD-Demonstration in Neubrandenburg. Seine Nähe zur NPD scheint dabei nicht zufällig. Bei einer Hausdurchsuchung in seinem Wohnhaus wurde bei Kliewe-Kregelin eine Fahne der “Jungen Nationalisten” (JN) sichergestellt, die eine frühere Mitgliedschaft in der NPD-Jugendorganisation nahelegt.
Im nun stattgefundenen Gerichtsprozess wurde Dirk Kliewe-Kregelin vorgeworfen, in einer Chatgruppe namens “Imsum bleibt Deutsch” den Vertrieb neonazistischer Tonträger und Bekleidungsgegenstände betrieben zu haben. Bei einer Hausdurchsuchung wurden neben massenhaft einschlägiger Tonträger auch Bekleidung und andere Devotionalien gefunden, die ihn als Mitglied der “Hammerskins” auswiesen - darunter eine Kutte mit dem Aufdruck der “Hammerskins Bremen”
Kliewe-Kregelin, hier (links) bei dem Organisationstreffen “National Officers Meeting” der “Hammerskin Nation” 2013 im niedersächsischen Werlaburgdorf, nahm in der Vergangenheit auch an grenzübergreifenden Treffen der Neonazigruppierung statt. Bilder, die während des Gerichtsprozesses gezeigt wurden, zeigen ihn auf einer Zusammenkunft der “Hammerskins Schweden” - umgeben von Neonazis, die den Arm zum Hitlergruß erhoben hatten. Auf einem Bild zeigte Kliewe-Kregelin einen internen Gruß der Hammerskins, zwei gekreuzte Arme - in Anlehnung an die grekreuzten Hämmer im Logo der “Hammerskin Nation”.
Dass sich Dirk Kliewe-Kregelin, der den Spitznamen “Piefke” trägt, weiter aktiv in den Strukturen der Neonaziszene bewegt, zeigt auch ein Vorfall wenige Tage vor dem Gerichtsprozess. Am 04. März 2023 gehörte Kliewe-Kregelin zu den Teilnehmenden eines klandestin organisierten Neonazikonzerts in Neumünster (Schleswig-Holstein). Das Konzert wurde von der Polizei aufgelöst. Neonazis attackierten daraufhin Polizeikräfte mit Wurfgeschossen und versuchten sich in den Räumlichkeiten der geplanten Konzertveranstaltung zu verbarrikadieren. Auch Kliewe-Kregelin (Bildmitte) gehörte zu den Teilnehmenden der Veranstaltung.
Nachdem Kliewe-Kregelin aus den Räumlichkeiten in einer Gartensiedlung in Neumünster geleitet wurde, erlitt der langjährige Neonazi einen Schwächeanfall vor der Polizeiabsperrung. Das T-Shirt, das Kliewe-Kregelin an diesem Abend trug, bezieht sich auf die Gruppe “Brüder Schweigen”, auch bekannt als “The Order”. Dabei handelte es sich um eine rechtsterroristische Neonazigruppierung, die in den 80er Jahren in den USA aktiv war. Die Gruppierung verübte Bombenanschläge und ermordete 1984 aus antisemitischen Motiven den Radiomoderator Alan Berg. Der 2010 in Haft verstorbene Rechtsterrorist David Lane, der in der Neonaziszene als Vorbild verehrt wird - und auf den das neonazistische Chiffree “14 Words” zurückgehen soll - war Mitglied von “The Order”.
Verteidigt wurde Dirk “Piefke” Kliewe-Kregelin von keinem Unbekannten. Dabei handelte es sich um den den Strafverteidiger Heiko Urbanzyk aus Coesfeld. Ahnlich wie Kliewe-Kregelin besitzt Urbanzyk gewisse Berührungspunkte zur neonazistischen Musikszene. So war Urbanzyk Herausgeber einer Zeitschrift aus dem Umfeld des “National Socialist Black Metal” (NSBM). Angeschlossen an das Magazin war zeitweise ein Versand, der Tonträger von NSBM-Bands wie “Holocaustus” oder “Der Stürmer” vertrieb.
Das die Wahl auf den Verteidiger Urbanzyk fiel, der in der Vergangenheit auch Aktivitäten in der extrem rechten „Burschenschaft Normannia Nibelungen“ aus Bielefeld entfaltete, ist vermutlich kein Zufall. Urbanzyk, der im Verfahren gegen Kliwewe-Kregelin auf Freispruch plädierte, war bis 2015 stellvertretender Vorsitzender des “Freundeskreis Unabhängige Nachrichten” welcher die neonazistische Zeitschrift “Unabhängige Nachrichten” herausgibt. In den Ermittlungen gegen die rechtsterroristische Gruppierung “Nationalsozialistischer Untergrund” (NSU) stand der Verdacht im Raum, dass die “Unabhängigen Nachrichten” mutmaßlich in Banküberfällen erbeutetes Geld von dem NSU erhalten hatte. Der Name der Zeitschrift war auf einer im Versteck des NSU in Zwickau aufgefundenen Liste aufgetaucht. Der Verdacht konnte durch die Ermittlungsbehörden jedoch nicht erhärtet werden.
Mit Ausnahme der an den Hausdurchsuchungen beteiligten Polizeibeamten, verweigerten alle geladenen Zeugen die Aussage. Zwei von ihnen, Marc Andre B. und Rudolf D., wurden in der Vergangenheit den Strukturen der “Hammerskins” oder deren direktem Umfeld zugerechnet. Weitere Zeugen, darunter Henrik Von B. und Oliver S., werden vor allem einem “Onepercenter-Motorradclub” zugerechnet. Das Gerichtsverfahren offenbarte auch Brüche innerhalb der Neonazi-Chatgruppe - so wurde dort bekannt, dass es aufgrund von Kinderpornographie zu Streitigkeiten gekommen war.
Das Gericht verurteilte Dirk Kliewe-Kregelin schließlich wegen Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen von je 30 Euro. Vom Vorwurf des Verstoßes gegen das Waffengesetz wurde Abstand genommen. Die bei der Hausdurchsuchung aufgefundenen Würgehölzer konnten dem Angeklagten nicht zweifelsfrei zugeordnet werden.
Besonders schmerzhaft dürfte für den Angeklagten aber der dauerhafte Einzug der beschlagnahmten Tonträger, einer Festplatte sowie eines Bekleidungsstücks mit der Aufschrift “HS Nation Firm” (versehen mit einem SS-Totenkopf) gewesen sein. Angesichts der Verstrickung von Dirk Kliewe-Kregelin in die “Hammerskin Nation” dürfte ihm zumindest die Möglichkeit offenstehen, schnell Ersatz dafür zu finden.
Das T-Shirt mit der Aufschrift “Sommer, Sonne, Hakenkreuz - Sieg ‘Fucking’ Heil”, welches der Angeklagte nach Überzeugung der Ermittlungsbehörden organisiert und anschließend vertrieben hatte, bezieht sich auf einen Vorfall aus dem Jahr 2017 auf der Insel Mallorca. Deutsche Hammerskins waren damals bei einem Konzert in der Gaststätte Bierkönig auf Mallorca zugegen, zeigten eine Reichskriegsflagge und beschimpften andere Besucher*innen. Der Vorfall verfügt bei den “Hammerskins” - auch aufgrund der umfangreichen Berichterstattung - über einen gewissen Mythos. | Bildquelle: Facebook
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Recherche Nord: Hammerskin des "Chapters Bremen" verurteilt, Bremen, 07.03.2023.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2023-03-07/