Alte Kader, leere Straßen: Demonstration von Neonazis in Berlin
Mitte März mobilisierte die Neonaziszene für die Freilassung verurteilter Rechtsextremer und Holocaustleugner:innen – darunter auch Personen aus dem Umfeld des rechtsterroristischen NSU. Der Mobilisierungserfolg blieb jedoch weitgehend aus.
Am 14. März 2026 fand in Berlin eine Demonstration der Neonaziszene statt, die tiefen Einblick in den aktuellen Zustand der bundesweiten Neonaziszene gibt.
Aufschlussreich war sie nicht wegen ihres Anlasses oder der vorgetragenen Inhalte, sondern wegen der Begleitumstände – genauer: der strukturellen Hintergründe und des sichtbar schlechten Ergebnisses der Mobilisierung, insbesondere angesichts der angenommenen Wichtigkeit der Organisator:innen.
Denn organisiert wurde die Veranstaltung von einem Kreis, der über Jahre hinweg zu den wichtigsten Hintergrundfunktionären der deutschsprachigen Neonaziszene zählte.
Gerade vor diesem Hintergrund fällt das Fazit deutlich aus: Gemessen an Thema (“Freiheit für alle politischen Gefangenen”) und organisatorischer Erfahrung blieb die Zahl der Unterstützer:innen marginal – die Veranstaltung war also alles andere als ein Erfolg.
Umso bemerkenswerter ist, dass dieses offensichtliche Scheitern kaum Aufsehen erregte. Dabei kommt diese Entwicklung nicht aus dem Nichts.
Seit Jahren ist ein schleichender Bedeutungsverlust bestimmter Führungskader zu beobachten. Figuren wie Christian Worch reisen inzwischen vor allem zu Kleinstveranstaltungen durch die Republik, engagierten sich in Projekten wie der mittlerweile selbstaufgelösten Partei “Die Rechte” oder Splittergruppen, die versuchen, die “alte NPD” weiterzuführen, nachdem diese sich 2024 (in großen Teilen) in “Die Heimat” umbenannt hatte.
Auch andere langjährige Funktionäre wie Thomas Wulff oder der Bremer Neonazifunktionär Henrik Ostendorf, der in Berlin als Anmelder auftrat, sind zuletzt deutlich in den Hintergrund gerückt. Ihr Einfluss ist geschwunden, ihr Wort hat in der Szene an Gewicht verloren.
Gerade diese Akteure gehörten über Jahrzehnte zu jenen, die versuchten, die zersplitterte Neonaziszene – geprägt von Kleinstgruppen und konkurrierenden Parteien – in übergeordnete Strukturen zu überführen. Ihr Ziel war eine geeinte Bewegung.
Dafür führten sie interne Auseinandersetzungen, bauten Netzwerke auf und stellten ihre politische Erfahrung, organisatorische Routine und strategische Vernetzung in den Dienst dieser Idee.
Dass die Berliner Veranstaltung in puncto Mobilisierung scheiterte, ist auch deshalb bemerkenswert, weil ihr Thema bewusst übergreifend angelegt war. Es richtete sich an die gesamte Szene und war keineswegs lokal begrenzt: Im Zentrum standen die sogenannten “politischen Gefangenen”, also jene Neonazis, Holocaustleugner:innen und Gewalttäter:innen, die aufgrund ihrer Überzeugungen in Haft sitzen.
Ein klassisches, szeneübergreifendes Mobilisierungsthema – doch selbst dieses vermochte es nicht, die bundesweiten Strukturen zur Teilnahme zu bewegen.
Am Ende blieb es bei einem kleinen Kreis, vor allem aus lokalen Berliner Akteur:innen, die das Erscheinungsbild der Demonstration prägten.
Auffällig war zudem, dass insbesondere jüngere Neonazis präsent waren – eine nachrückende Generation, die augenscheinlich weniger aus inhaltlicher Motivation als vielmehr wegen des Eventcharakters auf der Straße stand.
Es verdichtet sich der Eindruck: Die alten Kader, die über Jahre hinweg die Geschicke der bundesweiten Neonaziszene zumindest teilweise mitbestimmten und bis heute in Teilen der Öffentlichkeit als Integrationsfiguren gelten, haben ihre prägende Rolle weitgehend verloren.
Auch der Umstand, dass Christian Worch im Rahmen der Veranstaltung seinen 70. Geburtstag beging, konnte daran nichts ändern.
Zugleich wirft die Demonstration ein Schlaglicht auf das politische Koordinatensystem der Szene insgesamt. Der Zusammenhalt einer Bewegung zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit jenen, die in Haft sitzen.
Doch gerade hier offenbarte sich eine Leerstelle: Die Szene mobilisierte kaum für ihre eigenen Inhaftierten. Der vielbeschworene Zusammenhalt, die “Kameradschaft” – wirkt zunehmend wie eine Floskel, eine Worthülse vom abendlichen Stammtisch. Etwas, das man sich gegenseitig zuraunt, wenn man beim Bier zusammensitzt.
Zitieren
Recherche Nord: Alte Kader, leere Straßen: Demonstration von Neonazis in Berlin, Berlin, 14.03.2026.
Recherche Nord, recherche-nord.com. https://recherche-nord.com/gallery/2026-03-14-b/